Das Schöne


"Wenn Menschen Situationen als real definieren, so haben sie reale Konsequenzen." (W. I. Thomas)

Die Kunst der (symbolischen) Diagramme hat großartige Schöpfungen hervorgebracht. Die 700-jährige Geschichte des "Arbor scientiae", des Wissensbaumes, kann stellvertretend dafür stehen. Aufklärung gerinnt darin zur ästhetischen Form. Freilich haben solche Darstellungen schon immer auch der Vertuschung von Komplexität gedient. Aktuell wäre beispielsweise an die verwirrenden, oft widersprüchlichen Konjunktur-Prophezeiungen zu denken. "Als Pioniere der modernen Wahrsagerei können die Ökonomen gelten" (Hans Magnus Enzensberger), nicht zuletzt, weil sie ihre magischen Kurven wie Tarot-Karten oder Kaffeesatz vor uns auslegen und damit an unseren festen Glauben appellieren. Sie demonstrieren eine reduzierte Wahrnehmung, indem die Kurve gut ist, wenn sie (steil) ansteigt, schlecht bei fallendem Kurs. Das Bild dieser Linie hat sich längst verselbstständigt und wird unabhängig von den Werten auf den xy-Achsen verstanden.

Uwe Pörksen hat solcherart einprägsame Bilder "Visiotype" genannt, die ähnlich funktionieren wie Klischees und Schlagwörter. Visiotype "können abstrakter sein als die Abstrakta der Sprache, sie bringen unter Umständen ein noch höheres Maß an abgehobener, menschenleerer Objektivität zustande".

Deshalb spielte wohl auch der Zufall mit, als die Manipulationen des umjubelten Physiker-Genies Jan Hendrik Schön 2002 ausgerechnet wegen grafischer Abbildungen aufflogen. Einem Fachkollegen war aufgefallen, dass Schön in unterschiedlichsten Kontexten mehrfach höchst ähnliche Liniendiagramme einsetzte - dieselben, wie sich herausstellte. Und auf einmal wurden die schönen Kurven unrein, und mit ihnen die Ideen, die Schön womöglich unter Beweisstress zu belegen versuchte.

Nicht nur Fotografien, von deren Abbildwirklichkeit wir uns gutgläubig verführen lassen, sondern alle Formen der bildlichen (auch metaphorischen) Darstellung besitzen hohe Überzeugungskraft. Ihre augenblickliche Wahrnehmbarkeit täuscht gerne über die inhärenten Ungereimtheiten und Widersprüche hinweg. Ihre Schönheit an sich verfängt als Argument. Mit umgekehrten Vorzeichen demonstriert dies die 4. Szene in Brechts Drama "Leben des Galilei".

Galilei möchte den Abgesandten der Universität seine Erkenntnisse beweisen, indem er sie einen Blick durchs Fernrohr tun lässt. Diese aber, ein Philosoph und ein Mathematiker, sind für einen solchen Augenschein nicht empfänglich. Das Weltbild des Aristoteles "ist ein Gebäude von solcher Ordnung und Schönheit, dass wir wohl zögern sollten, diese Harmonie zu stören", wendet der Philosoph ein. Und der Mathematiker vertraut seinen Augen, wenn er in den aristotelischen Texten liest. Das darin entworfene schöne Bild sollte nicht zerstört werden.

Wissenschaft und Ästhetik sind miteinander durch enge Bande verbunden. Die Wissenschaft weiß gut mit ästhetischen Effekten zu verblüffen, die vergessen machen, dass sie vor allem unverständliche Datenreihen anschaulich übersetzen und bildschön aufheben. Zeigen Falschfarbenbilder oder licht-mikroskopische Aufnahmen, was wirklich ist, oder zeigen sie bloß, was wir verstehen (können)? Unsere Wahrnehmung von Wissen und Fakten ist auch eine Frage des Vertrauens. Und die Vermittlung von Wissen und Fakten ist auch eine Frage des Gewissens.

"Das Sensationelle wird daher gerade dort, wo Schablonen hergestellt werden sollen, zum Inbegriff der Realität", wendet Günter Anders skeptisch ein. Gerade auch die exakte Wissenschaft ist nicht gefeit vor dem Zwielicht der Reality Show.

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Felix Keller: Ikonen der Moderne. Diagramme und die Ästhetik der Sichtbarkeit. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays. Eine Poetologie des Diagramms
Beat Wyss: «Ceci n’est pas un texte». Plädoyer für den Schein. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays. VII
Ulrike Felt: «Zu SCHÖN, um wahr zu sein!» Betrug und Wahrheit in der Wissenschaft. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays. 3. Die neue schöne Zukunft

Kapitel: Kazimir Florian Grond: Von der Realität zur Linie und zurück, eine kleine «theory of everything». In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Kapitel: . Florian Grond: Von der Realität zur Linie und zurück, eine kleine «theory of everything». In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Vorweg: Sichtbarkeit / Flüchtigkeit Felix Keller: Ikonen der Moderne. Diagramme und die Ästhetik der Sichtbarkeit. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Kapitel: Italo Florian Grond: Von der Realität zur Linie und zurück, eine kleine «theory of everything». In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Diagramm: Denken und Sehen Felix Keller: Ikonen der Moderne. Diagramme und die Ästhetik der Sichtbarkeit. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Kapitel: David Florian Grond: Von der Realität zur Linie und zurück, eine kleine «theory of everything». In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Kapitel: Pawel Florian Grond: Von der Realität zur Linie und zurück, eine kleine «theory of everything». In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Mnemotechnik und Funktionsdarstellung Felix Keller: Ikonen der Moderne. Diagramme und die Ästhetik der Sichtbarkeit. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Eine neue Bildersprache? Felix Keller: Ikonen der Moderne. Diagramme und die Ästhetik der Sichtbarkeit. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Eine Poetologie des Diagramms Felix Keller: Ikonen der Moderne. Diagramme und die Ästhetik der Sichtbarkeit. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.