Der Trickster


"Trau schau wem, Vertrauen ehrt, Misstrauen ist auch was wert."

(Volksmund)

Wo Gerüchte besonders heftig brodeln, verklumpen sie gerne zu kollektiven Verschwörungstheorien, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Kaum waren am 11. September 2001 in New York die Twin Towers in sich zusammengestürzt, tauchten die wildesten Theorien über Urheber und Schuldige auf. Mit darunter alte Stereotype wie die zionistische Weltverschwörung, aber auch gegen-öffentliche Mutmaßungen über die Versäumnisse der US-Geheimdienste. Alles ist möglich und alles bleibt unwiderlegbar, weil Verschwörungstheorien nicht mehr für logische Argumentationen zugänglich sind. Selbst wenn sie

wahr wären. Noch immer glauben gut 30 % der Amerikaner, dass die Mondlandung in einem Studio gefilmt worden sei.

Als Mittel gegen das chaotische Durcheinander von Nachrichten und Gerüchten, Abbildern und manipulierten Fotos helfen im besten Fall nur sinnliche Wachsamkeit, abwägende Skepsis und das Wissen um die "Unschärfe-relation". In beschränktem Maß schützen diese davor, dass wir auf simple Manipulationen hereinfallen.

Morgens in der Früh am Küchentisch, den Kaffee vor uns, bauen wir behutsam diese Abwehrkräfte auf. Mit am Tisch sitzt der zwielichtige, schelmische Trickster, diese Ausgeburt der nächtlichen Träume, der permanent alle Grenzen verwischt. Der Trickster liebt es, die Menschen zu verwirren und zu täuschen. Doch der Trickster meint es auch gut mit uns. Während wir den Kaffee schlürfen, erzählt er uns zum Trost eine alte Geschichte.

Es war einmal ein König, der langweilte sich so sehr, dass er im Lande ausrufen ließ: "Ich gebe demjenigen meine Tochter zur Frau, der mir eine tüchtige Lüge auftischen kann. Wem dies aber misslingt, der muss sein Leben lassen." Ein armer Schafhirt wollte sein Glück versuchen. Vor den König geführt, begann er sogleich allerhand phantastische Geschichten vorzutragen. Doch der König war ein leichtgläubiger Mann, der zu allen nur mit dem Kopf nickte und meinte: "Mmh, warum nicht, das kann gut sein." Allmählich wurde es deshalb dem Hirten mulmig zumute. Da besann er sich aufs Äußerste: "Ich habe heute Morgen auf dem Weg hierher einen Brief gefunden, in dem geschrieben stand, dass der Vater Ihrer Majestät ein Schweinehirt gewesen sei." Da rief der König erzürnt: "Das ist eine Lüge!" So rettete der arme Hirt sein Leben mit einer Frechheit und gewann obendrein eine Prinzessin.

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Das Lauffeuer Beat Mazenauer: Die Wirklichkeit gibt es nicht und wir glauben fest daran. Unsere alltäglichen Irritationen. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.