Geschichtlichkeit des Leibes

Ist damit die Welt nur das was von mir wahrgenommen wird? Nein, denn die Welt ist mehr als meine aktuelle Wahrnehmung, aber nur durch meine Wahrnehmung wird sie eine sinnhafte Welt für mich. Die Welt ist der latente Horizont "all unserer Erfahrung" (Merleau-Ponty, 1966, 118) oder, anders ausgedrückt, die offene Totalität aller möglichen Erfahrungen. Die Welt als mögliche Wahrnehmung kann sich mir nur geben, indem ich mich auf sie hin entwerfe, indem ich mich auf sie hin ausrichte. Diese Intentionalität in Hinblick auf die Lebenswelt, die schon Husserl aufgedeckt hat, ist als Bedeutungserwartung an die Welt zu verstehen, die die Welt (und nur sie) selbst erst erfüllen kann. Bedeutungserwartung und -erfüllung stehen in einem Wechselverhältnis, denn ohne intentionale Erschließung der Welt kann sich diese mir nicht im Modus der Anschauung geben, sie kann sich also nicht phänomenal zeigen. Mit Helmut Plessner und Frederik J.J. Buytendijk bezeichnet Merleau-Ponty diese Struktur als "Umweltintentionalität" (Merleau-Ponty, 1966, 272). Die Welt entdeckt sich im menschlichen Leib, indem der Leib sich auf diese Welt hin entwirft und mit seinem Entwurf Sinn in die Welt bringt bzw. der Welt den Raum gibt, sich sinnhaft zu zeigen. Damit wird deutlich, dass "das Bewusstsein sich je schon in der Welt am Werk befindet" (Merleau-Ponty, 1966, 491) und dass es keine Welt gäbe ohne eine ihre Struktur tragende Existenz, mithin ohne den Leib, an dem sich die Welt und ihre Phänomene zeigen könnten. Damit wird deutlich, was der Leib letztlich ist: Er ist das Instrument bzw. das Medium der Wahrnehmung von Welt und damit der Schlüssel der "Teilhabe an der Welt" (Merleau-Ponty, 1966, 449).
Das leibliche Subjekt entwirft sich hin zur Welt und füllt diese damit mit Sinn. Nur durch den Entwurf kann die Welt verstanden werden. Unter Verstehen ist dabei der aneignende Vollzug der Welt gemeint. Indem wir die Welt verstehen lernen, lernen wir uns selbst in dieser Welt kennen. "Verstehen heißt, die Übereinstimmung erfahren zwischen Intention und Vollzug, zwischen dem, worauf wir abzielen, und dem, was gegeben ist; und der Leib ist unsere Verankerung in der Welt." (Merleau-Ponty, 1966, 174) Verstehen ist der sinnhafte Umgang mit der Welt, der selbst erst erlernt werden muss. Im Verstehensprozess lernen wir - um mit Martin Heidegger zu sprechen - aus dem vorhandenen Objekt ein Zuhandenes zu machen, dem Objekt also einen lebensweltlichen Sinn zu geben. Dieser Prozess steht dabei immer schon unter gewissen Bedingungen, die mit der Körperlichkeit, dem Mitsein mit anderen, der Sprache und der Geschichte gegeben sind. "Zur Welt seiend, sind wir verurteilt zum Sinn, und nichts können wir tun oder sagen, was in der Geschichte nicht seinen Namen fände." (Merleau-Ponty, 1966, 16). Wir sind als wahrnehmende also immer schon in einem lebensweltlichen Sinnzusammenhang und verstehen lernen heißt das Erlernen von Bedeutungen, die durch meine Herkunft und durch Traditionen (Sprache, Sitten, Wissenschaft etc.) vorgeprägt sind.
Die entscheidende Bedeutung des Sinnentwurfs für das Verständnis von Phänomenen der Welt führt Merleau-Ponty am Beispiel eines Kranken an, der keine sexuellen Stimulationen mehr erfahren kann. Diesem Kranken ist "das Vermögen zum Entwurf einer geschlechtlichen Welt" (Merleau-Ponty, 1966, 187) verloren gegangen, und er kann sexuelle Reize nicht mehr als solche verstehen, da er sich nicht mehr auf eine geschlechtliche Welt hin entwirft und sich diese ihm also auch nicht mehr zeigen kann. Dieses Beispiel macht deutlich, dass erst der subjektive Entwurf die Möglichkeit gibt, dass sich ein weltliches Phänomen als Sinnhaftes zeigt. Konkret bedeutet dies, dass wahrnehmen immer schon etwas voraussetzt und diese Voraussetzung den Sinn der Wahrnehmung bestimmt.

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