Keine Befreiung von der Leiblichkeit im Netz

Hat diese grundlegende Zurückbindung an die Leiblichkeit Auswirkung auf die moderne Diskussion um die virtuelle Realität und das virtuelle Subjekt? Es fällt auf, dass die Denker der virtuellen Subjektivität einem radikalen Intellektualismus das Wort sprechen. Der Geist kann sich im Netz befreien von seiner körperlichen Gefangenheit und der Begrenztheit der Identität entfliehen. Weder Rasse, noch Geschlecht, noch sozialer Status scheinen im technologischen Himmel des Netzes eine Rolle zu spielen. Die Netzbenutzer können sich offenbar unabhängig von ihren sozialen und körperlichen Lebensbedingungen eine eigene oder auch mehrere Identitäten zusprechen und ihre körperliche Identität hinter sich lassen. Ist aber auch eine Befreiung von der leiblichen Gebundenheit als pimärem In-der-Welt-sein möglich? Ich möchte dies bezweifeln, denn die Überwindung der Leiblichkeit ist nicht möglich, sofern wir wahrnehmen und erkennen wollen. Der Leib als In-der-Welt-sein bestimmt auch im Cyberzeitalter unser Wahrnehmen von Welt. Dabei ist zu beachten, dass der Leib nicht mit dem Körper verwechselt werden darf. In den Chaträumen des Internets kann ich mich von meinem eigenen Körper und seinen Gebrechen verabschieden, nicht jedoch von der Leiblichkeit meiner menschlichen Existenz, denn der Leib ist ja der eigentliche Zugang zur Welt und mithin bereits schon ein kulturelles Objekt. Wie wenig der Leib mit dem Körper zu tun hat, zeigt Merleau-Ponty eindrücklich mit der Analyse der Ausweitung der Leiblichkeit durch den Blindenstock. Für den Blinden ist der Blindenstock kein Objekt mehr, sondern wird Teil des Leibes als Instrument der Welterfahrung. Der Stock ist eine Erweiterung des Leibes, der die Weltaneignung für den Blinden ermöglicht. Der Stock wird zu seinem Stil der Welterfahrung und dient damit der Erweitung des Bedeutungs-und Verstehenshorizontes des Blinden.
In Analogie zum Blindenstock lassen sich die technischen Hilfsmittel (wie Maus, Joystick oder Browser) zur Aneignung des Internets als Erweiterung unseres leiblichen Zugangs zur Welt denken. Die Welt hat sich mit dem Internet zwar vergrößert, der Zugang bleibt aber der gleiche. Wir richten uns auf diese offene Totalität und versuchen mit den Instrumenten, die uns gegeben sind, Bedeutung in sie hineinzubringen und die Welt des Netzes zu verstehen. Auch dieses Verstehen will erlernt werden, indem die neuen Instrumente angeeignet werden. Dabei können wir nicht hinter unser leibliches Sein in der Welt zurück, selbst wenn wir uns nur mehr in einem Feld von reiner Virtualität befinden, denn selbst diese Virtualität ist gestiftet vom ursprünglich räumlich und zeitlichen Erfahren der Welt durch unseren Leib. Auch im virtuellen Zeitalter bleibt der Mensch an seine Leiblichkeit zurückgebunden, denn nur durch den Leib kann er an der Welt teilhaben.

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Walter Grond: In welche Welt denken wir uns?. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays. II

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