Kirchenfenster der Moderne


Es stellt sich die Frage, wie Diagramme - im Zusammenhang dieser Form des nicht-sprachlichen Aussagens - nicht mehr so sehr die unsichtbare Welt des Göttlichen zu fassen beginnen, sondern die unsichtbare Gesellschaft. Die Antwort ist nahe liegend: indem das, was nicht mehr stehend ist, als flüchtig erkannt wird, und sich nur in einem klar stehenden, bedeutungstragenden Bild wieder hervorbringen lässt.
Siegfried Kracauer schrieb in der Einleitung zu seiner "Soziologie als Wissenschaft", dass im Abendland mit dem Erlöschen des Katholizismus auch der allumfassende Sinn verloren gehe; es breche der durch diesen Sinn zusammengehaltene Kosmos zusammen, vor dem Blick der Betrachter öffne sich ein Reich der Realität, ein jeglicher Bedeutung entblößter Stoff, den er neu formen muss (Kracauer, 1978). Kracauer weist hier weiter als Marxens Manifest auf den Prozess des Formens, der bedeutungslos gewordenen fragmentierten, flüchtigen Realität. Und das Bestimmungszentrum dieses Formens wird nichts anderes als ein neues, unter allen Schwierigkeiten entworfenes Konstrukt, die "Gesellschaft". Doch der Blick auf die Darstellungsweise der neuen Entität der Bevölkerung und des Staates, der Gesellschaft, zeigt, dass sie mehr Insignien des religiösen Ästhetik trägt, als auf den ersten Blick sichtbar wird.
Die Genealogie des modernen statistischen Diagramms demonstriert dessen Ursprung in der ikonologischen Auffassung des Überwirklichen. Captain John Graunt (1620-1674), der die moderne statistische Erhebung und Auswertung entwarf, stand zwar bereits jenseits des Religiösen, aber das Material, das er verwendete, trug noch dessen Spuren. Lange Zeit war mit einem biblischen Bann belegt, wer die Bevölkerung zählte: man erinnere sich an die Bibel-Stelle: "Und Satan stellte sich gegen Israel und reizte David, Israel zu zählen" (Chronik 1, Vers 21). Doch vor dem Hintergrund des Baconschen Ideals der Wissenschaften tauchte der Wille zur systematischen Erfassung der Gesellschaft in Zeiten der verschwindenden Menschen auf: im seuchengeplagten London des 17. Jahrhunderts. Ordnen und Herstellen von Symmetrien, sie darstellend in einer einfachen tabellarischen Form, angesichts einer drohenden Katastrophe, war der Plan dieses Unterfangens: Befürchtet wurde, dass sich England entvölkert und demzufolge politisch und ökonomisch ausblutet. Captain John Graunt legte den ersten umfassenden statistischen Bericht 1662 der Royal Society vor: "Natural and political observations upon the bills of mortality", auf der Basis der kirchlichen Toten- und Geburtsregister. In Graunts statistischen Darstellungen, die erst bei seinem Schüler William Petty begrifflich benannt wurden, zeigten sich Erstaunen erweckende Symmetrien, etwa dass die durch die Pest entstandenen Bevölkerungsminderungen innerhalb weniger Jahren wieder ausgeglichen waren. Es wurde des weiteren zum ersten Mal offenbar, dass das Verhältnis der Geschlechter bei Geburt in etwa gleich war. Inmitten von Chaos und Zerstörung zeigte sich unter dem Sichtfenster des Diagramms unversehens eine ästhetische, noch nie gesehene Ordnung.

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