Fichte: Leib als Artikulation der endlichen Vernunft

Die Probleme dieser beiden Wahrnehmungslehren, die sich in vielfachen Spielarten finden, versucht Maurice Merleau-Ponty in seiner 1945 erschienen "Phänomenologie der Wahrnehmung" zu überwinden, indem er eine dritte Position zwischen subjektivem Idealismus und objektivem Empirismus geltend macht. Der zentrale Begriff dieser Mittelposition ist der Begriff des Leibes (corps propre), der als Vemittler zwischen wahrnehmendem Subjekt und wahrgenommenem Objekt fungiert. In der leiblichen Wahrnehmungserfahrung sind der aktiv Wahrnehmende und das passiv Wahrgenommene eng ineinander verwoben; sie erschaffen sich gegenseitig im Leib als Vollzugsort der Zueignung von wahrgenommenen Phänomenen. Selbstverständlich ist Merleau-Ponty nicht der erste, der den Leib in der Wahrnehmungslehre thematisiert. Schon seit der Antike ist der Leib ein wichtiges Thema der Philosophie. Beim so genannten Leib-Seele-Problem wird seine Rolle im Zusammenhang mit der Seele bzw. dem Geistigen thematisiert. Dabei fällt auf, dass der Leib zumeist nur in seiner Rolle auf das Geistige hin zur Geltung kommt, als eigenständiges Phänomen unterbestimmt bleibt. Bereits vor Merleau-Ponty hat Johann Gottlieb Fichte dem Leib bzw. dem Körper eine zentrale und eigenständigere Rolle zuerkannt. Für ihn ist er das ursprüngliche Zentrum des Lebens und des Denkens. Der Körper ist gewissermaßen das Verbindungsstück von Vernunft und umgebender Welt und ermöglicht erst ein sinnvolles Denken und Handeln. In diesem Sinne kommt dem Körper für Fichte eine ursprüngliche Selbständigkeit zu. Er erweist sich als eigentliche Ermöglichungsbedingung von Selbstbewusstsein und ist gleichwertig mit dem Geist. Körper und Geist sind die gemeinsamen Bedingungen der Möglichkeiten von Selbstbewusstsein, insofern das vernünftige, vor allem aber das vernünftig handelnde Ich sich nur mit seinem Körper in der Welt verwirklichen kann. So lautet der vierte Lehrsatz der Rechtsphilosophie von Fichte: "Das vernünftige Wesen kann sich nicht, als wirksames Individuum, setzen, ohne sich einen materiellen Leib zuzuschreiben, und denselben dadurch zu bestimmen." (Fichte, 1845/46, 56). Der Körper wird für Fichte damit zum Ausdruck der Artikulation der zur Endlichkeit gelangten Vernunft. Der Körper ist sozusagen der ursprüngliche Zugang zur Welt, in der das Individuum wirksam werden will. Damit wird der Körper zur Bedingung der Möglichkeit eines selbstbewussten Geistes. End-liche Vernunft und Körper hängen durch ein starkes Wechselverhältnis voneinander ab und sind nicht voneinander zu trennen. Sie bilden gemeinsam erst das Ganze des Menschen.

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III Beat Wyss: «Ceci n’est pas un texte». Plädoyer für den Schein. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Kapitel: . Florian Grond: Von der Realität zur Linie und zurück, eine kleine «theory of everything». In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
VII Walter Grond: In welche Welt denken wir uns?. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Beat Mazenauer: Die Wirklichkeit gibt es nicht und wir glauben fest daran. Unsere alltäglichen Irritationen. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
II Beat Wyss: «Ceci n’est pas un texte». Plädoyer für den Schein. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
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Geschichtlichkeit des Leibes Peter A. Schmid: Der Leib als wahrnehmendes Ich. Die Phänomenologie der Wahrnehmung bei Maurice Merleau-Ponty. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.