I

Am 3. Juni 1895 starb Dr. Fiedler nach einem Sturz aus dem Fenster seiner Münchner Villa.
Diesen Tatbestand zu erinnern scheint unerheblich, da genannter Privatier und Kunsttheoretiker kaum je über einen kleinen Kreis von Spezialisten hinaus bekannt geworden ist. Merkwürdig bleibt der Tatbestand aber dem, der weiß, dass Dr. Fiedler Tatbestände überhaupt als Wirklichkeiten geleugnet hat. Dr. Fiedler war ein Anhänger des philosophischen Solipsismus. Nach dieser Theo-rie gibt es die Welt nicht. Es gibt nur das Ich. Und die Welt gibt es, sofern ich sie denke. Sie für wirklich zu nehmen, ist "gewohnheitsmäßige Täuschung". (Demgemäß würde Ich, der ich hier schreibe, mir nur vorstellen, ich schriebe und sähe die Tastatur eines Computers vor mir, auf dessen schwarzem Bildschirm die Buchstaben dieser Sätze da aufleuchteten, die ich soeben gedacht habe.) Die Welt ist eine Halluzination, aber die Menschen brauchen sie: Sie imaginieren sich Bäume, Städte und ihresgleichen um sich herum, um die Einsamkeit in der Nacht des reinen Bewusstseins zu verdrängen. Nur der Solipsist stellt sich dieser echolosen Wahrheit, dass nur Ich bin und sonst nichts. Alles, was sonst noch zu sein sich Mir vorgibt, ist buchstäblich ein Hirgespinst, Fata Morgana der Nervenbahnen, das - wie kurz vor dem Verdursten in der Wüste - das Ziel der Wünsche wahrhaft aufflimmern macht.
Vor dem Hintergrund von Dr. Fiedlers Theorie wirft dessen Tod ein paar unlösbare Fragen auf. Vielleicht war es gerade die Leugnung des leiblichen Todes, die den Tod von Dr. Fiedler verursacht hat. Die Fiedler-Forschung hat sich bisher darauf beschränkt, im Sturz des Kunsttheoretikers aus dem Fenster einen Unfall oder aber einen Suizid zu sehen. Meines Wissens hat bisher noch niemand an eine dritte Möglichkeit gedacht: dass Dr. Fiedler das Opfer seiner theoretischen Studien wurde. Demnach hätte der Privatgelehrte die Unwirklichkeit der Welt beweisen wollen, indem er das Fenster seines Studios öffnete und willentlich in den Grund seiner Halluzinationen hineinsprang, nicht um sich zu töten, sondern um die Wirklichkeit zu widerlegen.

1 / 2 / 3 / 4 / 5 / 6 / 7 / 8


Beat Mazenauer: Die Wirklichkeit gibt es nicht und wir glauben fest daran. Unsere alltäglichen Irritationen. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays. Die Selbstbehauptung
Severin Perrig: Runzlige Musen in Mythos wie Cyberspace. Der erzählerische Generationenkonflikt zwischen märchenhafter Fiktion und Realität. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays. Die Alten erzählen

I Philipp Sarasin: Bioterror als Phantasma. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Kapitel: Pawel Florian Grond: Von der Realität zur Linie und zurück, eine kleine «theory of everything». In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Die Alten erzählen Severin Perrig: Runzlige Musen in Mythos wie Cyberspace. Der erzählerische Generationenkonflikt zwischen märchenhafter Fiktion und Realität. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Wissenschaftliche Quellenanalyse Gunther Reisinger: Das Internet als Predigt. Eine kunsthistorische Quellendiskussion vor dem Altar des Digitalen . In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.