VII


Das ist ein Plädoyer für den Schein.
Der Satz von Parmenides (beziehungsweise von der Göttin Dike, die er zitiert), dass nur Seiendes sei, Nichts aber nicht sei, begründet den Vorrang des Seins über alle Wahrnehmungen. Die Scheidung von (wahrem) Sein und (falschem) Schein geht seither - wenig angefochten - durch die Geschichte der Theorie. Die Wahrheitssuche war angehalten, die Nebel des "gewöhnlichen Bewusstseins" hinter sich zu lassen. Die Wahrheit war wie das Schlaraffenland, das man sich durch einen Berg von Hirsebrei erfressen muss, und wenn man ankommt, hat man keinen Appetit.
Dass Philosophie und Kunst den Schleier der Maia zu lüften habe, gehört zu den ästhetischen Grundsätzen der klassischen Moderne. Reaktion auf dieses Dogma in den sechziger Jahren war ein ästhetischer Nominalismus: Mit der Pop-art, die Berkeleys "esse est percipi" (sein ist wahrgenommen werden) umsetzte in "the medium is the message", beginnt die postmoderne Skepsis im Erkennen. Kunst repräsentierte keine Signifikate mehr, sondern bildete nur noch den Spiegelsaal von Signifikanten ab: als Bild vom Bild vom Bild ... Eine Kunst, die an der Eigentlichkeit, an der "wahren Wirklichkeit" ihrer Zeichensetzung festhält, ist naiv und anachronistisch geworden. Postmodern ist das Bewusstsein, dass es weder eine Ursprache noch ein Wesensding gibt. Allenfalls stellt sich die Frage: Wie bringe ich Goethes Urphänomen über den Bildschirm?
Dieser ästhetischen Praxis entspricht eine Philosophie des Scheins, die sich in den Niederungen der doxa, des Meinens und des "Man", aufhält, wie Warhol und Foucault, die uns im Irrweg vorangegangen sind. Der Schein ist (und das macht nichts, Herr Baudrillard. Den Schein, den wir produzieren, können wir immerhin beeinflussen, das Sein jedoch nicht: es west erratisch im Hirn des Philosophen.). Die Seinssuche sei den Gnostikern überlassen. Die postmoderne Kehre wäre: dass das Sein nicht ist; dass es Seiendes gäbe - verhüllt zwar von einer Dunstglocke des falschen Scheinens und Meines - ist Wahn. Es verhält sich umgekehrt: Der wahre Schein zeigt sich unter dem abziehenden Dunst des "Seyns".
Dr. Fiedlers Fenstersturz gelte als Neunerprobe für diese Umkehrung: Das wahnhafte (Bewusst-)Sein prallte auf den soliden Scheinskern der Wirklichkeit. Der Selbstmord von Dr. Fiedler zeigt, dass die Folgen der Schwerkraft auf ein fluguntaugliches Bewusstsein nicht dissimulierbar sind.

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Beat Mazenauer: Die Wirklichkeit gibt es nicht und wir glauben fest daran. Unsere alltäglichen Irritationen. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays. Das Schöne

Ontologie versus Epistemologie Hans H. Diebner: Performative Wissenschaft - Unerforschlich Falsches?. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Kapitel: Kazimir Florian Grond: Von der Realität zur Linie und zurück, eine kleine «theory of everything». In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Wahrheit und Objektivität: Stumpfe Lanzen Inge Hinterwaldner: Realismen und Praktiken - Virtuelles aus der Medizin. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
V Beat Wyss: «Ceci n’est pas un texte». Plädoyer für den Schein. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Das Schöne Beat Mazenauer: Die Wirklichkeit gibt es nicht und wir glauben fest daran. Unsere alltäglichen Irritationen. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
IV Beat Wyss: «Ceci n’est pas un texte». Plädoyer für den Schein. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.
Das Lauffeuer Beat Mazenauer: Die Wirklichkeit gibt es nicht und wir glauben fest daran. Unsere alltäglichen Irritationen. In: Band 1, Das Wahre, Falsche, Schöne. Reality Show. Essays.