Ontologie versus Epistemologie


Um die schweren Vorwürfe von Seiten Brügges wie Bricmonts bzw. Bricmonts und Sokals an die Chaosforschung besser zu verstehen, ist eine kurze Erläuterung der Kluft zwischen Ontologie und Epistemologie erforderlich (man vergleiche hierzu Oliver Jahraus, 2004). Dieser Gegensatz spiegelt den der Physik und Metaphysik, allgemeiner auch den von Philosophie und Naturwissenschaft wider.
Die Ontologie beschäftigt sich mit dem Sein und dem Seienden. Letzteres setzt die Physik voraus, hinterfragt aber nicht dessen Charakter. Gegenüber der Ontologie und Metaphysik entwickelte sich die Erkenntnislehre, deren erster und wichtigster Denker René Descartes war. Die kartesische Erkenntnis "cogito ergo sum" - ich denke, also bin ich - wurde von dem Fundamentalontologen Martin Heidegger ins Gegenteil verkehrt: "Ich bin, also denke ich". Descartes zufolge lässt sich alles anzweifeln, außer dass ich zweifle, wodurch er das Bewusstsein in den Mittelpunkt allen Erkennens stellte. Jahraus schreibt: "Die große Neuerung in der Erkenntnistheorie besteht darin, dass nunmehr nicht nach dem Sein, sondern nach der Erkennbarkeit - oder Kantianisch gesprochen: nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis - gefragt wird. Diese Veränderung, in der sich nicht nur zwei unterschiedliche philosophische Disziplinen, sondern zwei unterschiedliche philosophische Weltanschauungen gegenüberstehen, ist so fundamental, dass man von zwei Paradigmen sprechen könnte, nämlich vom ontologischen Paradigma des Seins und vom erkenntnistheoretischen Paradigma des Subjekts bzw. des Bewusstseins."
Laut Heidegger ist aber das Sein transzendent gegenüber dem Seienden, also gegenüber all dem, was man als gegeben erfahren kann. Cum grano salis lässt sich dies so zusammenfassen: Das Dasein eilt seiner Beschreibung voraus. Der Versuch, das Sein zu erfassen, kommt immer zu spät, weil der Mensch schon im Sein ist. Neben Heidegger zählen Bergson und Whitehead zu den Vordenkern einer philosophischen Linie, die den Prozess und das Ereignis in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellten und demgegenüber die Naturwissenschaft retrospektiv verfährt. Schaut man sich die Liste der von Sokal und Bricmont angegriffenen Denker an, so fällt einem sofort auf, dass alle mehr oder weniger dieser Denkrichtung zuzählen und so fast zwangsläufig die der Erkenntnistheorie (präziser der Kantianischen bzw. Neukantianischen Transzendentalphilosphie) nahestehenden Physiker verunsichern mussten. Auch der Titel der wissenschaftliche Posse (Hoax) von Sokal: "Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation", bezeugt, dass er es auf die Hermeneutik abgesehen hat.
Der angegriffene Chaosforscher Ilya Prigogine hat sich für eine systemtheo-retische Hinterfragung der so genannten "Ergodizität" eingesetzt; diese gibt zu einer a-historischen Beschreibung Anlass, bei der die Zeit wegtransformiert werden kann. Ergodische Systeme lassen sich analytisch behandeln und sind daher in der Physik von großer Bedeutung. Damit aber wird die für das Verständnis von Leben so wichtige Prozesshaftigkeit wegrationalisiert, was Prigogine zur Kritik an der Ergodizitätsannahme veranlasste, und zwar insbesondere bei biophysikalischen Anwendungen. Prigogine berief sich philosophisch auf die "Prozessphilosophie" von Bergson und Whitehead. Und es ist eben die Beschreibung des Menschen und seiner kulturellen Leistungen und nicht so sehr die "tote Materie", woran sich der Unterschied besonders stark manifestiert.

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