Endre Kiss

Das Archiv in den Umrissen einer Wissensgesellschaft

Die ursprüngliche Idee des Archivierens dürfte als eine der ersten wirklich und unverfälscht postmodernen Ideen gelten (auch wenn diese Bezeichnung noch lange nicht fixiert worden ist). Sie entstand im Übergang der sechziger und der siebziger Jahre, jenen Jahrzehnten, von denen einmal vielleicht gesagt wird, dass sie eine bestimmende Zeit waren. Sie kam von Borges und von Foucault, die zwar auf der Schulter voneinander standen, einander gleich und effektiv berühmt machten, das Archivieren selbst aber in zwei voneinander deutlich unterscheidenden Philosophien gedacht haben.
Während der Grundgedanke des Archivierens seinen relativistischen Charakter bis heute bewahrt, erweist sich das elektronische Archivieren in demselben Kontext als ein unrettbar konstruktives und produktives Unternehmen. Der PC hat die ursprüngliche Problematik des Archivierens zweifelsohne gemildert, wenn eben nicht viel harmonischer gemacht.
Das Unmögliche wurde auf eine nicht ganz genau vorhersehbare Weise möglich. Die durch den PC eintretende Revolution in der Informationstechnologie wies den Weg nach vorne. Der gewaltige konstruktive Weg nach vorne zerstreute aber die dekonstruktiven Momente nicht ganz. Der PC machte Archivieren auf eine effektive und ökonomische Weise möglich, während er seine eigenen revolutionären Errungenschaften in eine Hülle der offen eingestandenen neuen Beliebigkeit kleidete. Jedes Wissen wurde nunmehr integrierbar, der PC löste aber „nur“ all die Schwierigkeiten der „physischen“ Integration, machte jedoch der Beliebigkeit des zu Integrierenden und des Integrationsprozesses noch kein Ende. Der PC legitimierte sogar die Vorstellung, die technische Integrierbarkeit muss und soll mit inhaltlicher Integrierbarkeit nicht unbedingt zusammengehen. Dadurch entwickelte sich das Archiv zu einem Enzyklopädismus der Kontingenz, während die große Enzyklopädie des 18. Jahrhunderts trotz ihres lexikalischen Aufbaus eine wahre Wissensintegration an den Tag legte.