Wolfgang Ernst

Die neuen Archive. Kultivierung von Unordnung

Ist das Wort Archiv im Netz am Platz? Das Internet ist kein Archiv, wenn wir von der metaphorischen Verwendung des „Archivs“ für alle möglichen Formen von Speichern und kulturellem Gedächtnis absehen und ihn als spezifische Agentur einer Gedächtnistechnologie verwenden. Doch das Internet bildet einen neuen Typus des Trans-Archivischen heraus, wie er in Ted Nelsons Konzeption von Hypertext und Hypermedia schon angelegt war: ein dynamisches Archiv, das von seiner beständigen Aktualisierung lebt und zudem aus dem klassischen Reich der Buchstaben auch bewegte Bilder und grammophone Archive zu übertragen weiß – bis hin zur Echtzeit-Archivierung des Lebens selbst (die Webcam-Kultur). Tatsächlich aber spielt sich das alles im digitalen Raum ab – eine radikale Diskretisierung von Welt. Chancen des semantic web werden ebenso zum Thema wie Optionen der Suchmaschinen. Archive am Netz sind eher eine Funktion ihrer Software- und Übertragungsprotokolle denn eine Frage ihres Inhalts, demgegenüber sich die Technik recht indifferent verhält. Jenseits des archivalischen Provenienzprinzips gibt es das kybernetische Dispositiv des Internets selbst als arché/Archiv, jedoch ist dies in hohem Maße zeitkritisch (anders als klassische Archive es je waren). Der Klang des Archivs ist das PING-Signal zur Datenübertragungskontrolle. Am Ende folgt ein informationstheoretisches Plädoyer für die geregelte Unordnung, für ein Begreifen der kulturtechnischen Chance eines generativen Archivs neuen Typs.